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Von Defekthexen, Demenzsymptomen und Podiumsplazierungen...

 

Glück und Pech lagen bei unserem lang avisierten und heiß ersehnten Saisonhöhepunkt am vergangenen Samstag beim Ostseeman 2012 sehr eng beieinander. Während Heike nach (für sie) leicht unterdurchschnittlicher Schwimmperformance aber dafür vielversprechender Leistung auf dem ersten Drittel der Radstrecke wegen eines Raddefektes das Rennen, auf Rang drei liegend vorzeitig beenden musste, gelang mir selbst die wohl beste Langdistanzleistung seit Roth 2003 und ich wurde dafür mit Gesamtrang 3 belohnt! Da die beiden vor mir plazierten Athleten Christian Nitzsche und der Däne Jens Isbak Kristensen (beiden hier nochmal eine fette Gratulation zur erbrachten Leistung!) mit Triathlonprofi-Lizenz versehen sind, war ich mit dieser Plazierung auch gleich noch der beste Amateur im Starterfeld.

alt Aber wie so oft, und das ist ja auch der große Reiz am Abenteuer Langdistanz lief weder die langfristige Trainingsvorbereitung der letzten Monate noch die unmittelbare Wettkampfvorbereitung der vergangenen zwei wochen so glatt und flüssig, wie es das Endergebnis in Zahlen vielleicht widerspiegeln mag. Selbst mit 25 Jahren Wettkampferfahrung im Triathlon passieren einem manchmal noch Dinge, bei denen man nicht weiß, ob man sie noch unter die Kategorie "Schusseligkeit" einreichen darf, oder ob sich hier nicht vielmehr bereits erste Anzeichen beginnender Altersdemenz abzeichnen... ;-) Letzter diesbezüglicher Bock war, dass ich 30 min vor dem bis dahin nahezu stressfreien Start des Ostseeman mit Entsetzen feststellte, dass ich meinen nagelneuen super-bequemen und aerodynamischen Rennanzug nicht nur daheim nicht angezogen hatte (wie man es eigentlich vor einem Rennen früh üblicherweise tut), sondern auch nicht zum Start an die Förde mitgenommen hatte!!! Was tun??? Unser gemietetes Ferienhaus lag etwa 10-15 Autominuten vom Start entfernt, theoretisch hätte es also noch klappen können, den Race-Suit zu holen, aber die Rennstrecke war längst für Autos gesperrt, ich hätte also vermutlich alle paar hundert Meter anhalten und einem Polizisten/ Feuerwehrler/freiweilligen Helfer usw. erklären müssen, was ich ausgerechnet jetzt noch kurz vor offiziellem Rennbeginn mit einem privaten PKW auf der Radstrecke verloren hätte... Also in weißer Unterhose (Modell Sportslip) und Baumwollshirt die Langdistanz bestreiten? Hätte ich wahrscheinlich, so lächerlich das ausgesehen hätte, fast tatsächlich gemacht. Und vermutlich hätten sich die meisten Zuschauer kaum allzu viel dabei gedacht,ist man doch im Zeitalter farbiger Kompresionsstrümpfe an schrillen Wettkampf-Outfits von Triathleten einiges gewöhnt.

Meine Rettung in dieser Situation war- wie so oft- Heike, die zufällig in ihrer Wettkampftasche noch einen alten Triathloneinteiler liegen hatte, der (dank der Alterungsprozesse) von Lycra bereits so ausgeleiert war, dass ich trotz 20kg mehr Masse als Heike und 15cm mehr Körpergröße trotzdem so gut hineinpasste, dass zumindest die Körperteile, die für eine Langdistanz "leistungsrelevant" sind, offensichtlich nicht allzusehr komprimiert wurden. Die Episode hätte ich im Rückblick ja noch als Einzelfall abhaken können, wenn nicht drei Tage zuvor ein anderer, durchaus ähnlicher Zwischenfall passiert wäre: Da saßen wir nämlich nach erfolgreich nahezu staufrei überstandener 1100km-Anreise und unserer ersten Nacht im angemieteten Ferienhaus, am Frühstückstisch und ich ging in Gedanken noch einmal durch, ob ich auch alles für den bevorstehenden Wettkampf eingepackt hatte... hätte ich vielleicht besser vor der Abreise gemacht!!!

Als "erfahrener" Athlet macht man so einen gedanklichen Check ja wie einen simulierten Wettkampf : Los geht es also mit Schwimmen: Vaseline, Neoprenanzug, Schwimmbrille, Rennanzug--> Check, alles eingepackt. Wechsel zum Radfahren: Radschuhe, Helm, Nummernband, Fahrrad selbst mit Wettkampf-Laufrädern, Werkzeugtäschchen, Verpflegungs-Oberrohrtasche, Trinkflaschen, Tacho--> Check, alles dabei!

Wechsel zum Laufen: Sonnenbrille, Kohlenhydratgels, Laufschuhe... Laufschuhe????? Natürlich hatte ich beim Packen daheim auch schon an die Wettkampflaufschuhe gedacht, aber da diese von den letzten beiden Wettkämpfen noch eher unappetitlich rochen, standen sie erstmal noch in der Garage und sollten erst als letztes (separat und geruchsfest verpackt ;-) ) zum restlichen Gepäck dazustoßen. Sollten...  in der Abreisehektik dann eben doch vergessen standen sie eben jetzt immer noch 1100km entfernt in unserer Unterwössner Garage!

Zum Glück konnten wir unsere netten Nachbarn telefonisch erreichen, die über einen Ersatz-Hausschlüssel von uns verfügen und so die betagten aber eben auch bestens eingelaufenen und damit schnellen Wettkampflaufschuhe per Post auf die Reise in den Norden schicken konnten. Dank der zuverlässigen deutschen Post bekam ich dann ein Tag vor dem Rennen ein sehnsüchtig erwartetes Paket mit einem Inhalt, der vermutlich dem Paketboten veranlasst hat, vor der Auslieferung vorübergehend von Nasen- auf Mundatmung zu wechseln... ;-)

Letztendlich war auch dieses Problem gelöst und ich stand am Sonntag um kurz vor 7h in einem geliehenen Frauen-Triathlonanzug in Größe S an der Startlinie des Ostseemans und in der Wechselzone warteten meine nachgeschickten geliebten Nike Mayfly Jahrgang 2004 auf ihre spätere Rennverwendung.

Auf sonstige Probleme in der Vorbereitung der letzten paar Monate möchte ich an dieser Stelle gar nicht eingehen. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen ohnehin Bescheid.

Wenn man es letzten Endes schafft im "höheren Alter" am Ende einer mehrmonatigen Ironman-Trainings-Vorbereitung (inklusive auch der dafür notwendigen Trainingswettkämpfe) schmerzfrei und gesund auf den Startschuss einer Triathlon-Langdistanz warten zu können, hat man eigentlich schon den ersten Sieg errungen, egal, wie die folgenden 9-10 Stunden danach auch laufen mögen!

Beim Schwimmen in der am Wettkampfmorgen kaum welligen Ostsee positionierte ich mich links, wo der Weg zur ersten Richtungsboje nach ca. 300m am kürzesten war, während Heike von ganz rechts starten wollte, um den zu erwartenden Prügeleien im 1000-Mann-Starterfeld aus dem Weg zu gehen.

Letzten Endes lief das Schwimmen flüssig. Ich konnte mich ausreichend gut beim Start durchsetzen, hatte zwar immer das Gefühl, dass die Gruppe in der ich mich nach der Startphase fand, eigentlich zu langsam war, aber alleine weg schwimmen ohne Wasserschatten zur nächstschnelleren Gruppe ca. 50 Meter vor uns wollte ich dann auch nicht. Bei einem 9-Stunden-Rennen muss man gerade am Anfang mit seinen Kräften haushalten.

Nach 56 Minuten kam ich schließlich wieder ans Ufer und da auch von den hochmotivierten Staffelschwimmern (die bei den ganz schnellen Staffeln meist echte spezialisierte Langstreckenschwimmer waren) keiner die 50min unterbot, darf man annehmen, dass die Strecke eher etwas länger als 3,8km war. und die Zeit eher einer 54er-Zeit auf üblichen "schnellen" Ironman-Strecken entspricht,

Das Radfahren besteht beim Ostseeman aus insgesamt 6 Runden zu je 30km mit vielen Kurven, einigen kleineren Steigungen, die sich insgesamt auf etwa 1000hm summieren. Keine schnelle Bestzeiten-Strecke, aber auch nie langweilig und außerdem hoch attraktiv für unterstützende Angehörige/ Fans, die "ihren" Athleten"  bei strategisch günstiger Positionierung problemlos 12mal allein bei der Radstrecke zu sehen bekommen.

Auf der ersten Radrunde fühlte ich mich eigentlich noch eher schlecht, die Straßen waren nass, so dass man in den Kurven und Abfahrten extremst vorsichtig bremsen und steuern musste. Eher überrascht war ich, dass der Tacho nach denersten 30km einen Schnitt von immerhin 38,9 km/h zeigte- schneller als es das Körpergefühl hätte erwarten lassen. Für die restlichen Runden bemühte ich mich, das Tempo etwa auf diesem Level zu halten und die regelmäßige Verpflegung nie zu vergessen.

Die genauen GPS-Datem, Temperatur, Trittfrequenzdaten, Herzfrequenz usw. findet man (wer es ganz genau wissen will) hier.

Heike hatte leider bereits in der zweiten Radrunde einen Plattfuß mit Ausriss des Ventils, so dass die Abdichtung mit Pannenspray nicht gelang. DNF. :-(

Ich konnte mich im Lauf der 180km  mit konstantem Tempo immer weiter nach vorne schieben und auch den Abstand zur Spitze sukzessive verkürzen, so dass ich irgendwann auf Gesamtrang 2 lag und als erster Verfolger von Christian Nitzschke mit nur drei Minuten Rückstand zum abschließenden Marathonlauf wechseln konnte. Beim ersten Wendepunkt bei Laufkilometer 2 betrug der Rückstand nur noch 2 Minuten und einen weitern km später später konnte ich den Führungsradler schon etwa 200m vor mir sehen: nur noch etwas weniger als 1 min Rückstand! Leider begann dann der bergige Teil der Laufstrecke und die Anstiege waren in der Wettkampfsituation doch steiler, als wenige Tage vorher bei der Streckenbesichtigung. Hätte doch das Körpergewicht noch etwas reduzieren sollen mit mehr Ernährungsdisziplin oder zumindest mehr Bergaufläufe trainieren... auf alle Fälle machte Christian gerade an diesen Bergen, die man insgesamt 5 mal hinauf musste jedes mal ein paar Sekunden gut, so dass der Rückstand auf Rang 1 im Laufe des Marathons langsam wieder anstieg und ich mich mehr darauf konzentrieren musste, meinen zweiten Rang so gut als möglich zu verteidigen.

Bei km 28 betrug mein Vorsprung auf den vermeintlich drittplazierten noch 7 Minuten und ich war schon optimistisch, mich mit dieser Plazierung ins Ziel retten zu können. Leider hatte ich da einen groß gewachsenen Dänen knapp hinter mir nicht richtig eingeschätzt: den erkannte ich zwar auf dem Gegenverkehr als starken Läufer, aber da er keine Rundenbänder um den Hals trug, dachte ich, es wäre ein Staffelläufer. Weit gefehlt: Kristensen der Däne, hatte sich seine Rundenbänder statt sie um den Hals zu hängen, einfach um den Unterarm gewickelt. Auch als er mich eingangs der letzten Runde überholte war ich noch in dem Missverständnis, es mit einem der vielen Staffelläufer zu tun zu haben, erfuhr aber kurze Zeit später von meinen "Supportern" Heike und Frederic, dass ich nun nur noch dritter war. Vorsrpung auf den vierten jetzt: 4 Minuten. 4 Minuten für 8km. Ich rechnete: 30s/km durfte ich also maximal verlieren. Das ist schon 'ne Menge, aber gerade am Schluss eines Marathons lauern auch immer Gehpausen/ Krämpfe und sonstige Probleme, die auch einen solchen Vrosprung manchmal dahinschmelzen lassen wie Softeis in der Mittagssonne.

Frederic rannte dann die letzten Kilometer mit mir zur moralischen Unterstützung mit und ich gab noch mal alles, was die mittlerweile sehr müden Beine her gaben und... es reichte!!!

Der Vorjahreszweite und Altersklassen-Weltmeister von Hawaii 2009 Georg Anstett kam nur noch auf knapp zwei Minuten an mich ran,obwohl Anstett insgesamt den zweitbesten Marathon im Feld hnlegte, und sogar auf den Zweitplazierten Kristensen holte ich mit dem langgezogenen "Endspurt" wieder ein wenig auf.

Seit Roth 2003 habe ich, glaube ich, einen Zieleinlauf nicht mehr so genossen, wie den beim Ostseeman 2012. Gerade auch die holprige Vorbereitung mit diversen gesundheitlichen Problemen machen einen besonders dankbar, dass es mit dem nötigen Quentchen Glück, doch noch zu einem solchen Finish gelangt hat, das ich mir selbst 7 Wochen zuvor, als die Achillessehne noch immer kein Laufraining zuließ, niemals zugetraut hätte. Andererseits hat das Training der letzten paar Wochen, in denen ich endlich schmerzfrei war, unglaublich viel Spaß gemacht und ich merkte schon, dass es mit der Form steil bergauf ging, was ja auch die Wettkampfergebnisse (Mitteldistanz Ingolstadt--> Nitteldistanz Chiemseetriathlon-->Olympische Distanz Karlsfeld) durchaus belegten, Aber eine vermeintlich gute Form in ein zählbares Langdistanzergebnis um zu setzen ist trotzdem nochmal eine ganz besondere Herausforderung, die auch nicht nur von einem selbst abhängt, sondern eben auch von Faktoren, die man nicht alle selbst kontrollieren kann... eben auch vom Glück bzw. vielmehr davon (siehe Heikes Rennen), von Pech verschont zu bleiben!

Den ausführlichen (objektiv journalistischen) Rennbericht vom Ostseeman findet man übrigens hier auf der Website des Triathlon-Magazin, auf Tri-Time.de, auf Triathlon.de oder auch auf der Website des Flensburger Tagblattes.

alt

In dieser Szenerie unten schrieb ich am Morgen nach dem Wettkampf, nachdem mich die senile Bettflucht schon um halb 6 Uhr fürh aus dem Bett gerieben hatte, den ersten Teil dieses Blogs. Kein Wunder, dass ich bei derartiger Ablenkung mit dem Text erstmal nicht fertig geworden bin ;-)

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