Man muss so lange auf das Glück einschlagen bis es nachgibt

Nachdem Nizza als Abschluss-Wettkampf der französischen Triathlonliga Ende September, für mich gut gelaufen war, war meine Motivation für den geplanten Start bei der Olympische Distanz im Rahmen des Elite Europa Cup Finale im spanischen Melilla umso größer. Meine Form war den Trainingsleistungen zufolge in allen drei Diszplinen besser denn je. Bevor ich Ungarn nach einem Monat wieder verließ, nahm ich dort noch an einem kleinen, aber sehr gut organisierten, Bergzeitfahren teil. Über 5,2km musste man 325 Höhenmeter erklimmen und das natürlich alleine gegen die Uhr so schnell wie möglich. In 13:10min konnte ich mir mit knapp 35s Vorsprung den Gesamtsieg dieses Wettbewerbs holen. Dabei hatte ich 420 Watt im Schnitt.

Nach nur zwei Tagen zurück in Deutschland ging es für mich in Begleitung meines Vaters am Freitag dann nach Melilla. Beim Zwischenstopp in Malaga stiegen wir in eine sehr kleine Turboprob-Maschine um, mit der wir noch das Mittelmeer überquerten, denn Melilla gehört politisch zwar zu Spanien, aber befindet sich neben Marokko schon auf dem afrikanischem Kontinent. Dementsprechend warm war es dort auch.

 

Der Wettkampf sollte erst am Sonntagabend stattfinden, also war neben den Streckenbesichtigungen auch noch genug Zeit die Stadt und die gigantische Burg dort ein wenig zu besichtigen. Am Samstagabend fand dann das Briefing statt, bei dem ich leider ganze drei Minuten zu spät erschien und zur Strafe beim Line-Up am nächsten Tag ans Ende gesetzt worden war. Da meine Startnummer 42 aber sowieso eine der letzten war und ich somit auch bei überpünktlichem Erscheinen nur einen der letzten Startplätze mir hätte aussuchen dürfen, ließ ich mir dadurch nicht meine Vorfreude auf das Rennen nehmen, sondern fand es eher amüsant wie pingelig die Kampfrichter manchmal sein können.

Am Renntag gab es noch einen kleinen Morgenlauf um die Beine zu aktivieren und danach konnte ich mich nochmal einige Stunden entspannen. Wenn die Wettkämpfe am Nachmittag oder Abend stattfinden, ist man zwar einerseits den ganzen Tag angespannt und aufgeregt, aber andererseits ist dies echt, was Aufstehen und Frühsstücken anbelangt, extrem stressfrei.

 

Den ganzen Stress bekam ich dann aber auf einmal beim Check In nur eine Stunde vor dem Start, da die SRAM S80 Laufräder, welche ich fahre, zwar auf der UCI Liste stehen, aber mein Vater zwecks der Optik die roten Sticker für das ansonsten schwarz weiße Sworks-Rad abgemacht hatte. Für die Damen beim Check In waren sie so ihrer Meinung nach nicht mehr eindeutig indentifizierbar und sie ließen mich nicht durch. Nachdem sie auch einigen anderen Athleten wegen solcher Kleinigkeiten den Start verweigerten wollten, ihnen aber irgendwann die Diskussionen auf Englisch zu viel wurden entschieden sie sich (nur noch 30min vor dem Start) ein Auge zuzudrücken und alle durchzuwinken. Meine Gedanken waren zwischenzeitlich schon so weit, dass ich ernsthaft befürchtete, nicht an den Start gehen zu dürfen, da ich keinen anderen Laufradsatz dabei hatte und auf die Schnelle keinen hätte besorgen können, dementsprechend befreiend war es dann, als ich endlich einchecken konnte.

 

Nach einem Blitz Check In und genügendem Einschwimmen im 25°C warmen Mittelmeer stand ich dann beim Line Up. Die Favoriten und vorderen Startnummern entschieden sich für die linken Startpositionen und alle anderen Athleten reihten sich dem auf. Somit war der zweite Platz von rechts noch für mich übrig, worüber ich sehr happy war, da ich viel lieber in Ruhe an der Seite starte, anstatt mich in der Mitte verprügeln zu lassen.

 

Um 18 Uhr hieß es dann „On your marks“ und gleichzeitig mit „marks“ ertönte auch schon das Startsignal, was man aber auf der rechten Seite schlecht hörte, womit ich etwas verzögert reinlief. Da es zu Beginn sehr seicht war, kam man ziemlich lange mit Delfinsprüngen voran. Nach etwa 100m befand ich mich dann ganz alleine auf der rechten Seite, während das ganze Feld links schwamm, was mich aber nicht weiter störte. Ich hatte das Gefühl den direkteren Weg zur Boje genommen zu haben und als wir diese nach erst circa 400m erreichten hatte ich tatsächlich Kontakt zur Spitze. Links neben mir sah ich die Startnummer 2 schwimmen und ich wusste, dass dies der neue U23 Weltmeister aus Frankreich Raphael Montoya ist. Das motivierte mich nur noch mehr und ich hatte das Gefühl mit jedem Armzug noch mehr Druck aufzubauen. Das Tempo an der Spitze war schon extrem hoch und es war hart genug den Wasserschatten zu halten bzw. ab und zu kleine Lücken zuzuschwimmen, aber wenn man weiß, dass man vorne dabei ist, kann das Schwimmen unglaublich Spaß machen. Nach 20:46min (wahrscheinlich um die 1700m Schwimmstrecke, denn die schnellsten Schwimmer im Europacup sind eigentlich in der Lage um die 16 1/2 Minuten zu schwimmen) stieg ich dann in der ersten Gruppe mit nur 8s Rückstand auf den Führenden aus dem Wasser. Mein Wechsel war dann solide und zum ersten mal in dieser Saison waren die ersten Radkilometer richtig entspannt. Die Radstrecke bestand aus einem etwas technischeren Teil und dann einer langen Geraden mit Wendepunkt. Eine Runde war 5km, sprich wir mussten acht Runden fahren.

 

Nachdem ich in meinen Radschuhen war und ausreichend Energie getrunken hatte, die ich definitiv brauchte nach dem hartem Schwimmen, beteiligte ich mich an der Führungsarbeit. Wir kreiselten sehr gut und fast jeder der 10 Mann Führungsgruppe beteiligte sich. Somit waren wir sehr schnell unterwegs, aber es war nicht zu hart.

 

Schon beim Schwimmen hatte sich ein Loch von knapp 30s zur zweiten Gruppe gebildet. Nach nur zwei Runden konnten wir dies auf eine knappe Minute ausbauen. Wenn das so weiterging, würden also die Top-Plätze des Rennens nur noch innerhalb unserer Gruppe verteilt werden. Ich war motivierter denn je.

 

In den ersten beiden Runden hatten wir bereits zwei Athleten wegen eines Plattfuß und eines Kettenriss verloren und gegen Anfang der dritten Runde hörte ich dann plötzlich ein lautes Knarren in einer Kurve. Zuerst dachte ich, mein Pedal sei bei der Kurvenlage am Boden geschliffen. In der nächsten Kurve dann wieder und als wir dann auf der Geraden zum Wendepunkt waren, hatte ich dann diese unangenehme Gefühl, was wahrscheinlich schon die meisten Triathleten und Radfahrer gehabt haben, auf der Felge zu fahren und ich realisierte, dass auch dieses Knarren in den Kurven meine Felge war. Die Luft aus meinem Hinterrad war komplett raus. Ich konnte es im ersten Moment nicht glauben. In der Wheelstation hatte ich keine Ersatzlaufräder deponiert, wäre auch in der Radtasche kein Platz mehr dafür gewesen und eine Neutral Wheelstation für Athleten aus Nationen ohne offizielle Betreuerstab, der sich um das Deponieren von Ersatzlaufrädern kümmern kann, gab es nicht. Das wars also dann :-(. Ein lautes „F*ck“ ließ die Besucher eines Cafés an der Strecke aufschrecken. Ich wollte es einfach nicht glauben. Warum passiert so ein Missgeschick genau dann, wenn ein Rennen endlich mal perfekt läuft?

 

Ich gab meinen Chip einer Kampfrichterin und musste das Rennen beenden. Mein erstes DNF in meiner gesamten Triathlonlaufbahn. Ich bin zwar schon zweimal bei Jugendrennen in Massenstürze verwickelt gewesen, konnte aber trotzdem jedesmal das Rennen fortsetzen und ins Ziel bringen. Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte über dieses Pech. Das Rad am Streckenrand schiebend begab ich mich auf die Suche nach meinem Vater, der sich auf den Weg zum hinteren Wendepunkt machte, da er dachte ich sei dort gestürzt, nachdem er mich in keiner der Radgruppen fand.

 

Als ich dann in der Athletes Lounge ankam, um mein restliches Zeug wieder auszuchecken, saß dort auch der diesjährige Doppel Europameister aus Portugal Joao Perreira, der auch mit mir in der Führungsgruppe gewesen war. Auch er musste das Rennen kurz nach mir wegen eines Plattfuß und sogar anschließenden Sturzes deswegen beenden.

 

Über all das „Hätte, Wenn und Aber“ habe ich dann aber beschlossen gar nicht mehr groß nachzudenken, sonst wäre es nur umso ärgerlicher gewesen. Vielen Dank für die aufbauenden Nachrichten, welche ich nach dem Rennen von so vielen bekommen habe. Das hat mir sehr geholfen das Ganze zu verarbeiten und jetzt nachdem ich zwei Nächte drüber geschlafen habe ist es nur noch halb so schlimm. Wie heißt es so schön: Man soll so oft auf das Glück einprügeln bis es nachgibt. Irgendwann wird schon mal alles klappen und dass das Schwimmen endlich mal so gut war, macht mich sehr zuversichtlich für kommende Saison und gibt mir reichlich Motivation für den Winter.

 

Nichtsdestotrotz war es ein schönes Wochenende mit meinem Vater als Begleitung, Mechaniker und menschlicher Kreditkarte ;)

 

Nun will ich aber die Saison auch nicht in Höchstform und mit einem DNF beenden. Deshalb vielen Dank an Challenge und deren CEO Zibi Szlufcik, die mir die Möglichkeit geben am 29. Oktober meine erste Mitteldistanz in Forte-Village (Sardinien) im Feld der PROs zu starten. Ein letztes Abenteuer bevor es dann endlich in die Saisonpause geht. Ich habe erstmal keine großen Ambitionen, sondern es geht hauptsächlich darum die Erfahrung eines vierstündigen Rennens zu sammeln. 2,5 Wochen habe ich jetzt noch Zeit, mich ans Zeitfahrrad zu gewöhnen.

 

Bis dahin

 

LG Frederic

 

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